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Averroes (Ibn Rušd)

Die Aristoteleskommentare des Averroes bilden eine Summe der spätantiken und der folgenden arabischen Rezeption der griechischen Philosophie. Als solche haben sie vor allem in ihren lateinischen und hebräischen Übersetzungen über Jahrhunderte einen prägenden Einfluss auf die jeweiligen Wissensdiskurse ausgeübt. In jüngerer Zeit rückt, gestützt durch die Erforschung der dreisprachigen Überlieferung des Werkes, die Gesamtgestalt des Denkens des Averroes, einschließlich seiner juristischen, theologischen und medizinischen Ableger, immer stärker ins Bewusstsein. Gemeinsamkeiten und Unterschiede der drei genannten Sprachtraditionen sowie insbesondere die vielfältigen Übersetzungs- und Rezeptionsprozesse finden in der Averroes Edition und im Digital Averroes Research Environment (DARE) am Thomas-Institut Berücksichtigung.


Aktuelle Forschungsprojekte

Historisch-kritische Edition der fragmentarischen lateinischen Übersetzung von Averroes’ Kommentar zu De partibus animalium und De generatione animalium

Von Averroes’ frühem Kommentarwerk zur Zoologie des Aristoteles, einer der Gattung des „Kompendiums“ angehörenden Bearbeitung von De partibus animalium und De generatione animalium, sind acht Auszüge unterschiedlicher Länge in einer lateinischen Übersetzung des 13. Jahrhunderts überliefert, die wahrscheinlich auf Michael Scotus zurückgeht. Während das arabische Original dieser Schrift verloren ist, existiert eine vollständige hebräische Übersetzung durch Jakob ben Machir, ein Mitglied der berühmten Übersetzerfamilie der Tibboniden, sowie weitere teils umfangreiche Sekundärüberlieferungen in hebräischer Sprache. Ein detaillierter Vergleich der lateinischen und hebräischen Überlieferung hat ergeben, dass der lateinische Übersetzer kürzend und paraphrasierend in den Text eingegriffen hat. Damit hat sich über die fragmentarische Erschließung von Averroes’ Zoologie hinaus bestätigt, dass die lateinische Aneignung des Averroes auf einer gezielten Auswahl von Schriften beruhte. Der Editionstext wird zur Zeit nochmals überarbeitet.

Hebräische Überlieferung des Kommentars zu De animalibus

Die Überlieferungsgeschichte des hebräischen Textes wird ab kommendem Jahr in einem von der Rothschild Foundation geförderten Kooperationsprojekt zwischen dem Thomas-Institut und dem Kurt and Ursula Schubert Center for Jewish Studies, Palacky University, Olomouc weiter erforscht. Für die erste Projektphase ist die Volltranskription ausgewählter Handschriften geplant.

Mitarbeiter*innen: Támas Visi, Hana Budíková, David Wirmer

Studie zur hebräischen und lateinischen Überlieferung von Averroes’ Großem Kommentar zur Physik

a) Kritische Edition der hebräischen Übersetzung des Großen Kommentars des Averroes zu Aristoteles’ Physik

Für lange Zeit musste der*die hebräische Leser*in im Mittelalter die aristotelische Philosophie im Allgemeinen sowie die Physik im Besonderen vor allem über die Kommentare des Averroes zum Corpus Aristotelicum vermittelt erforschen. Die systematische Übersetzung der Werke des Averroes ins Hebräische begann im frühen 13. Jahrhundert. Dieses Projekt dauerte ungefähr eineinhalb Jahrhunderte. Die fruchtbarste Zeit war die zwischen den 1230er und 1330er Jahren, als nahezu alle philosophischen Werke des Averroes übersetzt wurden. Einige dieser Werke sind nur in der hebräischen oder in der lateinischen Übersetzung auf uns gekommen, einige nur in ihrer hebräischen Übersetzung. Diese Tatsache und die sehr genaue und die akribische ‚Wort-für-Wort‘-Übersetzung vieler hebräischer Übersetzungen sowie die grundsätzliche Nähe des mittelalterlichen philosophischen Hebräischs zur arabischen Entsprechung, verleihen der Edition der hebräischen Averroesübersetzungen
eine besondere Bedeutung.
Der Große Kommentar zur Physik wurde vermutlich um 1186 von Averroes verfasst. Es ist der erste „Große“ (Šarḥ oder Tafsīr) Kommentar, der je von Averroes geschrieben wurde und der längste. Er wurde in den 1320er übersetzt, höchstwahrscheinlich in der Provence von Qalonymos ben Qalonymos, oder von einem anderen Übersetzer aus dem Zirkel des Qalonymos. Ein Kolophon in der Handschrift MS Paris BN 884 (f. 219r) schreibt diese Übersetzung jedenfalls explizit dem Qalonymos zu. Das hebräische Textkorpus umfasst vierzehn Handschriften, von denen nur eine (Paris BN 883) vollständig ist und die Bücher I-VIII enthält. Bereits im 13. Jahrhundert wurden einige kurze Passagen von Shem Tov Ibn Falaquera übersetzt und seiner hebräischen philosophischen Enzyklopädie inkorporiert. In einer weiteren philosophisch-wissenschaftlichen ‚Anthologie‘, die 1333 zusammengestellt wurde, übersetzt Ṭodros Ṭodrosi umfangreiche Stücke aus dem Großen Kommentar, die in einer Handschrift auf uns gekommen sind. Einige hebräische Super-Kommentare enthalten – neben Averroes’ Mittleren Kommentar – auch Bezugnahmen zum Großen Kommentar. Sie können in vier Hauptgruppen unterschieden werden:

  • (a) aus dem 14. Jahrhundert, aus der Provence, geschrieben von Schülern des Gersonides
  • (b) aus dem 15. Jahrhundert, aus Spanien (Šem-Tov ben Joseph Ibn Šem-Tov)
  • (c) aus dem 15.-16. Jahrhundert, aus Italien (Jehuda Meser Leon und seine Schule)
  • (d) aus dem 15.-16. Jahrhundert, aus Byzanz.

Einige hebräische Handschriften des Texts selbst und der Super-Kommentar zeigen das Zusammenspiel der jüdischen Gelehrten mit der lateinischen Übersetzung (die um 1230, höchstwahrscheinlich von Michael Scotus erstellt wurde) und dem scholastischen Denken des 15.-16. Jahrhunderts. Der Charakter der Textzeugen von Averroes’ Großem Kommentar zur Physik in der hebräischen Überlieferung macht eine Unterscheidung von zwei Hauptgruppen an Handschriften nötig:

  1. die Bücher I-IV
  2. die Bücher V-VIII.

Da es nur eine Handschrift gibt, die das ganze Werk enthält (Paris BN 883), lassen sich wenig Rückschlüsse von einer Gruppe auf die jeweils
andere ziehen. Über MS Paris 883 hinaus gibt es keine Handschrift, die Bücher aus den beiden unterschiedlichen Gruppen enthält. Das heißt, dass die Kollation und die Analyse des Texts, das Erstellen eines Stemmas und andere Untersuchungen zur Textüberlieferung für beide Gruppen getrennt betrieben werden müssen.
Wie bereits erwähnt, umfasst die Sammlung der Textzeugen vierzehn Handschriften, von denen nur zehn Averroes’ eigenen Kommentar enthalten („Commentum“). Die anderen vier Handschriften sind nur im Rahmen der „Textus“-Teile (Lemma) zu gebrauchen; trotz ihrer historischen Wichtigkeit und ihrer sehr komplexen Struktur, sind sie daher für die Vorbereitung der kritischen Edition nur beschränkt verwendbar. Dasselbe gilt für fast alle hebräischen Super-Kommentare. Einige könnten für die „Textus“-Teile hilfreich sein, aber nicht für die „Commenta“. Zu Struktur und Bedeutung der Anthologie des Ṭodros sind drei von Oded Horezky zusammen mit Steven Harvey verfasste Studien im Druck. Zurzeit konzentriert sich die Arbeit auf die kritische Edition der Bücher I-III.

Mitarbeiter: Oded Horezky

 

b) Kritische Edition der lateinischen Übersetzung des Großen Kommentars des Averroes zu Aristoteles’ Physik

Die lateinische Fassung von Averroes’ Commentum Magnum in Physicam ist in knapp hundert Handschriften auf uns gekommen. Von diesen überliefern nur fünfzig den gesamten Text, während die übrigen Handschriften nur Auszüge von unterschiedlicher Länge oder Randglossen zum Text des Aristoteles enthalten. Die fünfzehn ältesten Handschriften gehen auf das 13. Jahrhundert zurück. Die älteste ist die Handschrift Paris, BnF, lat. 15453. Acht Handschriften entstehen im 13.-14. Jahrhundert, 24 im 14. Jahrhundert und die restlichen im 14.-15. Jahrhundert.
Der Text des Aristoteles wird oft in einer zentralen Spalte in größeren Buchstaben überliefert, während der Kommentar des Averroes in kleineren Buchstaben geschrieben ist. Die meisten der Handschriften überliefern nur die Michael Scotus zugeschriebene Fassung der Übersetzung, aber in einigen Fällen wird sowohl die Scotus-Fassung als auch die Vetus Latina überliefert (entweder in zwei unterschiedlichen Spalten oder hinter einander in einer Spalte). Der arabische Originaltext des Averroes-Kommentars ist leider verloren gegangen. Die lateinische Fassung des Scotus geht auf die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts zurück. Zurzeit besteht die Hauptaufgabe in der Kollation der ältesten Textzeugen, damit die Version des Scotus möglichst genau rekonstruiert werden kann. Dazu sollen insbesondere die redaktionellen Veränderungen identifiziert werden, die Averroes diesem Kommentar im Laufe der Zeit hinzugefügt hat.
Aktuell sind nur Aussagen über makrostrukturelle Aspekte möglich. Die drei Hauptprologe zu den Büchern I, III und VIII sind nicht alle auf dieselbe Weise von der Handschriftentradition überliefert (die Handschrift Paris, BnF, lat. 15453, die den ältesten Zeugen darstellt, enthält sogar zwei Fassungen des ersten Prologs, die von zwei verschiedenen Händen geschrieben worden sind und zwei unterschiedlichen Traditionen angehören). Darüber hinaus wurden zwei Fassungen des ersten Buchs identifiziert. Die erste Fassung entspricht derjenigen der editio princeps Canozios (Padua 1473) und ist durch einen kürzeren Text gekennzeichnet, während die zweite Fassung derjenigen entspricht, die in der Giuntina-Edition (Venedig 1562) überliefert ist und die einen längeren Text hat. Diese Tatsache kann dadurch erklärt werden, dass Averroes selbst an diesem Buch eine Überarbeitung vorgenommen hat. Außerdem wurden in vielen Handschriften die Kapitel 76 bis 79 des achten
Buchs ausgelassen, während sie in einigen Fällen am Ende des Buchs von einer anderen Hand hinzugefügt wurden. Der Grund für diese wichtige Auslassung ist bislang noch unbekannt, könnte aber ebenfalls auf eine spätere Redaktionsphase, also auf einen Eingriff des Averroes zurückgehen.
Die Untersuchung der Handschriftentradition und insbesondere der Vergleich mit Handschriften, die den hebräischen Text des Kommentars überliefern, können sicherlich neue Hinweise geben, den dargestellten Befund zu erklären.

Mitarbeiter: Massimo Perrone

Averroes als Arzt: intellektuelle und soziale Kontexte der Medizin in al-Andalus

Bei der Frage nach der Bedeutung der Medizin im höfischen Kontext des zwölften Jahrhunderts in Andalusien bieten sich die Person und das Werk des Averroes zu einer Untersuchung an, da dieser Autor alles in allem breit überliefert und auch sonst gut zu situieren ist. Dabei werden sich Erkenntnisse zur Medizin im almohadischen Kontext wie auch zu Funktionsweise und Interessen des almohadischen Hofwesens ergeben, denn medizinische Tätigkeit, die sich literarisch niedergeschlagen hat, hatte offenbar einen öffentlichen Einfluss, über den man bislang jedoch nichts Genaues weiß.
Das Potential solcher Untersuchungen liegt in den Möglichkeiten begründet, nicht nur die Kenntnisse über Averroes durch die Bearbeitung seines medizinischen Werks zu erweitern, sondern auch diese Befunde in einen weiteren Rahmen zu stellen. Eine Einbettung der Geschichte der Wissenschaften in der islamischen Welt in soziale Kontexte ist notwendig, um Verbindungen biographischer und wissenschaftstheoretischer Natur zwischen verschiedenen Akteuren aufzuzeigen. Dies wird besonders deutlich bei der Betrachtung von Averroes’ Werk, denn über die Leserschaft seiner theoretischen Texte, das heißt, seines philosophischen Schrifttums, weiß man trotz intensivster Forschungen nur sehr wenig – wohl auch, weil diese Texte zu ihrem Entstehungszeitpunkt von nur begrenztem Einfluss waren.

Ergebnisse versprechen vor allem zwei Zugänge:
Zum einen die Klärung und Identifizierung des medizinischen Schrifttums des Averroes in seiner je nach Werk arabischen, hebräischen und/oder lateinischen Tradition, zum anderen Untersuchungen zur Einbettung seiner medizinischen Abhandlungen in den höfischen Kontext, in dem ganz offensichtlich der Medizin eine sehr spezielle Rolle zukam.

Beide Aspekte standen im Zentrum des internationalen Workshops, der im Rahmen dieses Projekts am 2. und 3. März 2020 an der Universität zu Köln organisiert wurde. Das sich aus den bisherigen Projektergebnissen sowie den Beiträgen der am Workshop 2020 Teilnehmenden ergebende Kompendium wurde im März 2022 für die Drucklegung in der Reihe Miscellanea Mediaevalia (De Gruyter) eingereicht. Nebenergebnisse des Projekts wie die Korrektur oder Ergänzung von Handschriftenbeschreibungen werden über DARE zur Verfügung gestellt.

Projektleitung: Raphaela Veit
Wissenschaftlicher Mitarbeiter: Carsten Schliwski
Wissenschaftliche Hilfskraft: Jan Hagen Krüger
Studentische Hilfskräfte: Christina Gebel, Ali Onur Korkmaz
Förderung: DFG, Mitteleinwerbung durch die Projektleiterin